Recensie Neue Musikzeitung

image_pdfimage_print

juli/augustus 2008 (s. 46)

Klassiker der Moderne

Géza Frid: Streichquartette 1–4, Amaryllis Quartett Coviello Classics COV 50805/Note 1

Diese Musik hat mich wirklich überrascht. Der Ungar Géza Frid (1904–89), der bereits 1929 emigrierte, sich in Amsterdam niederließ und 1948 niederländischer Staatsbürger wurde, ist außerhalb seiner Wahlheimat kaum bekannt. Nach mehrfachem Hören bin ich sicher, dass er zu den besten Komponisten Ungarns zu zählen ist.

Es erging ihm wie vielen Emigranten, die weder der Avantgarde noch dem Kommerz zuneigten und auch keine Lobby fanden. Während Ligeti und Kurtág zu Ikonen des 20. Jahrhunderts erhoben wurden, erfreute sich Frid einfach nur der profunden Wertschätzung von Musikern und Kennern.

Seine vier Streichquartette sind in einem Zeitraum von dreißig Jahren entstanden (1926, 1939, 1949 und 1956). Sie sind sehr unterschiedliche und abwechslungsreiche Erzeugnisse eines ausgeprägten Personalstils, der bis zuletzt unverkennbar ungarischer Herkunft ist und auf sehr eigene und lebendige Weise den übermächtigen Einfluss Béla Bartóks verarbeitet.

Das 1. Quartett ist ein zündender Beweis früher Reife in vier farbreich kontrastierenden Sätzen. Im in schwieriger Zeit verfassten 2. Quartett exerziert Frid mit magischen Klangmixturen fantasiereich fugierende Satzmodelle, die mit der Historie (Bach) spielen – frisch, freisinnig, ohne jegliche Zopfigkeit.

 Mehrere Reisen nach Indonesien konfrontierten Frid mit dem Unbekannten und erweiterten seine kreative Innenwelt beträchtlich. Unter diesen Eindrücken entstand das 3. Quartett, die Fantasia tropica, die in vier Sätzen (Abend – Nacht – Morgen – Abend) das Außerordentliche einfängt und mit dem Eigentümlichen verschmilzt. Ein herrliches Werk, das den brasilianischen Stücken Darius Milhauds oder den indischen Anverwandlungen John Foulds’ gleichberechtigt zur Seite tritt.

Im 4. Quartett ist Frids Ausdruck komplett befreit, dabei mit souveräner Klarheit und Disziplin in schlüssige Form gebracht. Auch in diesem, in seinen Proportionen so vorbildlichen Werk gilt, was sein ganzes Schaffen auszeichnet: eine natürliche Wildheit, die sich in animativ spannender Rhythmik, scharf gewürzter, delikat reibungsfreudiger Harmonik, improvisatorisch leidenschaftlicher Melodik, vortrefflich musikalischer Verwendung von Glissandi und aus innerer Notwendigkeit bezwingendem Rubato kundtut; eine stetige Durchdringung von struktureller Seriosität und feinem Humor; blutvoller, musikantischer Atem, der respektvoll mit den Idiomen spielt, ohne ihnen auf den Leim zu gehen.

Géza Frids Streichquartette sind klassische Moderne von hohem Karat, die sich auch neben Schostakowitsch oder Bartók hören lassen kann, und das junge schweizerisch-deutsche Amaryllis Quartet wird dem in vorbildlicher Weise gerecht, musiziert voll Wachheit, Finesse, Hingabe und Intelligenz. Auch das Klangbild ist erlesen reich schattiert. Baldmöglichst würden wir gerne mehr hören.

Christoph Schlüren

FACEBOOK
TWITTER
GOOGLE
https://gezafrid.eu/recensie-neue-musikzeitung">